Lea und Christian
    auf ihrer grossen Reise 2004
     
 

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  Spezialbericht Kambodscha: Mit dem Dschungelzug unterwegs

Endlich beginnt unsere langersehnte Reise mit dem Zug von Sihanoukville nach Phnom Penh. Wir können die Abfahrt kaum erwarten und freuen uns wie kleine Kinder. Bereits seit mehreren Tagen haben wir uns täglich beim deutschsprechenden Bahnhofvorstand von Sihanoukville nach der Abfahrt des nächsten Güterzuges erkundigt. Wie viele andere Kambodschaner auch, wollte er uns statt der Zugsfahrt die Busreise nach Phnom Penh schmackhaft machen. Doch wir fragten hartnäckig nach der Abfahrt des nächsten Güterzugs. Der Vorstand informierte uns, dass es seit einigen Monaten keine Passagierwaggons mehr gäbe, für die wenigen Zugsreisenden stünde lediglich ein leerer Güterwagen zur Verfügung. Die Zugfahrt würde zwischen 12 und 24 Stunden dauern, so genau liesse sich das nicht sagen. Das ganze Streckennetz zwischen Sihanoukville und Phnom Penh wird seit Jahren vernachlässigt und die Zugskomposition ist schon recht altersschwach. Die Dauer der Zugfahrt ist abhängig davon, ob und wie viele Male die Lokomotive einen Defekt erleidet. Trotz diesen Unsicherheiten wollen wir diese Zugsreise machen.

Eingedeckt mit Sandwiches, Früchten und Wasser warten wir also am besagten Morgen auf die Abfahrt. Die Lokomotive sowie die Güterwagen stehen schon bereit und um 11 Uhr geht's los. Vor uns liegen etwa 250 km. Im geheimen haben wir Wetten abgeschlossen, wie viele Stunden diese Zugfahrt effektiv dauern wird. Der etwas französisch sprechende Lokomotivführer lädt uns zu sich in den Führerstand ein. Die Lokomotive hat Baujahr 1991 und wurde in der Tschechoslowakei hergestellt. Im Schritttempo fahren wir aus dem Bahnhof heraus Richtung Norden. Das Tempo könnte nicht langsamer sein, die Geschwindigkeit beträgt etwa 10 bis 15 km in der Stunde. Bald fahren wir dem Meer entlang in Richtung der Elefantenberge und des Bokor Nationalparks. Eine Zugsfahrt ist die einzige Möglichkeit, um diese dschungelartige Gegend zu durchqueren. Langsam rattert der Zug durch die Wildnis, langsam und vorsichtig, damit die einzelnen Waggons nicht aus den stark verschobenen und verbogenen Geleisen springen. Wir staunen über die Fahrkünste des Lokführers. Er scheint jeden Zentimeter der Strecke zu kennen. Wir haben bereits etwa 40 km hinter uns gebracht, als der Zug nach rund drei Stunden in Veal Renh anhält. Vorerst scheint es nur ein kurzer Stopp zu werden. In die Güterwagen werden Holzbalken und -latten eingeladen. Die Arbeiter haben keine Freude, als wir das Einladen der Holzbalken fotografieren. Was wohl der Grund dafür ist?

Der Lokführer und sein Gehilfe haben in der Zwischenzeit den Motor der Lokomotive geöffnet und beginnen heftig zu diskutieren. Es wird geschraubt, geputzt, diskutiert und plötzlich verliert die Lokomotive viel Öl. Ein Rohr wird herausgeschraubt. Es hat einen Riss und muss geschweisst werden. Ein Junge fährt mit ihm auf dem Mofa zum nächsten Spengler. Für uns heisst das, dass wir mit einem längeren Aufenthalt rechnen müssen. Nach einigen Stunden kommt das geflickte Rohr zurück. Dann erfahren wir die nächsten Neuigkeiten: Da für diese Reparatur Öl abgelassen werden musste, braucht es neues Öl. Dieses muss aber zuerst aus Phnom Penh geliefert werden. Wir werden sicher noch weitere drei Stunden warten müssen, bis das Öl mit einem Auto eintrifft. Mittlerweilen wird es bereits dunkel und wir beschliessen, uns eine Schlafmöglichkeit im ersten Güterwagen hinter der Lokomotive zu suchen. Das ist relativ schwierig, wurden doch auch in diesem Waggon Holzbalken aufgeladen. Sie liegen jetzt kreuz und quer herum. Schliesslich finden wir zwei relativ bequem aussehende, flache Holzbalken, auf welchen wir es uns so bequem wie möglich machen. Die kambodschanischen Mitreisenden haben es da viel besser. Sie haben ihre Hängematten mitgebracht, diese können sie problemlos über den Holzbalken an der Decke aufhängen. Wir beiden Barangs, so werden westliche Touristen genannt, sind ja so unerfahren. Wir lassen uns nichts anmerken und legen uns frühzeitig schlafen. Doch nach wenigen Stunden werden wir unsanft aus dem Schlaf gerissen. Laute Stimmen reden in Khmer auf uns ein, Männer leuchten uns unsanft mit der Taschenlampe mitten ins Gesicht und führen sich allgemein etwas ungehobelt auf. Mit Gesten erklären wir, dass wir bis nach Phnom Penh mitreisen werden und wir jetzt eigentlich etwas schlafen möchten. Sie lassen uns in Ruhe, doch an ein Weiterschlafen ist nicht zu denken. Es wird gelacht, laut diskutiert und der Zigarettenrauch wird uns direkt ins Gesicht geblasen. Was wir nicht alles auf uns nehmen, um mit dem Güterzug zu reisen.

Plötzlich hören wir den startenden Motor der Lokomotive. Es ist inzwischen ungefähr elf Uhr nachts. Wir sind erleichtert, dass der Zug nicht mehr länger stehen bleibt. Wir versuchen erneut zu schlafen und wälzen uns auf den staubigen und mittlerweile doch recht unbequemen Holzbalken herum. Der Rücken und die Beine schmerzen, das Einatmen der staubigen Luft ist alles andere als angenehm. Wir finden wieder etwas Schlaf und als wir erwachen, merken wir, dass der Zug erneut still steht. Wir haben keine Ahnung wo wir sind, vielleicht schon in Kampot, einem weiteren möglichen Zusteigeort für Passagiere? Es ist mittlerweile 4 Uhr in der Früh. Zum Glück geht die Zugfahrt aber bald weiter. Doch an Schlaf ist von nun an nicht mehr zu denken. Die Holzhändler beginnen nun, die Holzbalken zu sortieren. Die übrigen Passagiere werden im Güterwagen von einer Ecke in die andere geschickt. Wir können die Logik, welche hinter dem emsigen Treiben steht, überhaupt nicht nachvollziehen. Nachdem alle Holzbalken mindestens einmal umhergeschoben wurden, scheinen alle Balken am rechten Ort zu sein.

Um 7 Uhr folgt der nächste Stopp. Unsere schlimmsten Befürchtungen werden bestätigt: ein weiterer Motorenschaden. Wir stellen uns auf eine längere Wartezeit ein. Doch glücklicherweise stehen wir in einem Bahnhof. Hier gibt es Kaffee und Essbares. Unglaublich, wie ausgezeichnet ein Kaffee nach einer so ereignisreichen und anstrengenden Nacht schmecken kann. Der Defekt ist nicht so gravierend und nach einigen Stunden geht es weiter. Zurück im Güterwagen realisieren wir, dass das Sortieren der Holzbalken erneut beginnt. Diesmal haben wir überhaut kein Verständnis für dieses Vorgehen. Wir beschliessen, beim nächsten Halt wieder in den Führerstand zu gehen, um der Betriebsamkeit der Holzhändler entfliehen zu können.

Im Führerstand sind mittlerweile 3 Personen, neben dem Lokomotivführer und dem Gehilfen ist noch ein Mechaniker dazugekommen. Das heisst für uns, dass wir keinen Platz mehr haben. Auf der Lokomotive finden wir noch ein relativ schattiges und geschütztes Plätzchen, jedoch völlig dem Wind und den Abgasen ausgesetzt.

In Takheo, nur noch etwa 100 km von Phnom Penh entfernt, hält der Zug erneut. Die beiden Lokomotivführer gehen gemütlich zum Mittagessen. Nach der einstündigen Mittagspause geht es weiter. Vor der Weiterfahrt müssen aber noch Waggons rangiert werden. Die Lokomotive und einige Waggons fahren vorwärts und rückwärts, Bahnangestellte pfeifen mit einer Trillerpfeife wie wild und geben mit einer roten Fahne Zeichen an den Lokführer. Wagen werden an- und abgehängt, Weichen werden von Hand umgestellt - kurz, ein emsiges Treiben auf dem Bahnhof hält Einzug. Nach einer Stunde ist der Zug in der richtigen Formation und es geht weiter. In 3 Stunden sollen wir in Phnom Penh sein.

Wir sind überrascht, als wir beobachten, wie unterwegs die vorher sorgfältig sortierten Holzbalken achtlos aus dem fahrenden Zug geworfen werden. Wir verstehen nun das vorherige Sortieren erst recht nicht.

Trotz der doch argen Strapazen genießen wir diese Zugfahrt sehr. Die Landschaften, welche an uns vorbeiziehen sind abwechslungsreich: regenwaldartige Gebiete, trockene Ebenen, Reisfelder im saftigen Grün, Palmen, Bananen - und Mangobäume.

Abends um halb acht kommen wir in Phnom Penh an. Der Zug hat für die Strecke von 256 km rund 32 Stunden gebraucht. Ohne Unterbrüche für die Behebung der Motorendefekte hätte die Reise rund 24 Stunden gedauert, was eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 10 km in der Stunde ergibt.

Als wir das Bahnhofsgebäude in Phnom Penh verlassen, erinnern wir uns an den Spruch des Bahnhofvorstandes in Sihanoukville: "Eine Zugsfahrt in Kambodscha werden sie nicht so schnell vergessen". Wie recht er doch hat.

 

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