The Andes Trail
Lea unterwegs von Quito nach Ushuaia 2010
 
 
  Von: lea.degen
Gesendet: Mittwoch, 29. September 2010, La Paz (Bolivien)
Betreff: La Paz - Bolivien

Liebe Freunde

Zwei Monate unterwegs, Peru und Ecuador durchquert, 5000 km und knapp 50000  Höhenmeter habe ich schon bewältigt. Seit Sonntag befinde ich mich in Bolivien. Ich bin mehr als dankbar, dass ich die vergangene Zeit mit praktisch keinen Beschwerden und Problemen
überstanden habe. Mir geht es ausgezeichnet und es gefällt mir immer noch sehr, täglich stundenlang auf dem Bike zu sitzen und die Landschaften zu geniessen. An vielen Tagen schreie ich mir mein Glück laut aus der Seele heraus - es ist der helle Wahnsinn. Besser noch als im Traum. Jeder Tag ist immer wieder aufs neue schön und eindrücklich. Natürlich gibt es bessere und weniger gute Tage, leichte Beine oder schwere Beine. Doch ich fahre immer mein Tempo. Mal schneller und mal weniger schnell, mal wenige Pausen und manchmal viele und lange Pausen und natürlich Fotostopps. Und etwas wichtiges: Ich lasse mich nicht von den Racern stressen, wenn sie mich überholen.

Mittlerweilen ist auch bei uns der Bike-Alltag eingekehrt. In den letzten Tagen haben sich die Ereignisse überschlagen und es gibt einiges zu erzählen. Weniger erfreulich sind die Unfälle, welche wir gehabt haben. Martin ist bei einer Abfahrt mit knapp 70 km/h in einen Esel  gefahren (der Esel hat die Strasse ohne nach links und rechts zu schauen überquert...) Martin wurde sofort mit dem Truck nach La Paz ins Spital gefahren, geröntgt und für eine Nacht
beobachtet. Glück im Unglück: Martin hat keine schweren Verletzungen. Viele Prellungen und Schürfungen, aber sonst scheint er i.O. und kann die Reise fortsetzen (die nächsten Tage sehr wahrscheinlich im Truck). Martin meinte gestern lakonisch: Zum Glück bin ich in einen (weicher) Esel gefahren.... Das Bike und der Helm sind schrottreif und müssen ersetzt werden. Wilbert wurde von einem Bus von der Strasse gedrängt. Die Schnittwunden an der rechten Hand wurden im lokalen Spital genäht. Jürgen ist bei einer Abfahrt unglücklich gestürzt: gestauchtes Rippli und Prellungen. Geert Jan ist ebenfalls bei einer Abfahrt gestürzt und die Wunde am Kinn musste genäht werden. Und gestern ist Gerard bei der Abfahrt nach La Paz auf der unebenen Strasse gestürzt - viele Prellungen und Schürfungen, Platzwunde über dem Auge (wurde im Spital genäht), defekte Brille und Helm. Wir müssen wirklich aufpassen, dass wir unsere Bikes im Griff haben und nicht umgekehrt. Ich glaube, langsam machen sich auch Ermüdungserscheinungen unter den Radfahrern bemerkbar. Auch die Trucks haben Probleme: defekter Generator, platte Reifen, regelmässige Polizeikontrollen... immer
ist etwas los.

Letzte Woche waren wir für drei Tage in Cusco. Geplant waren zwei Ruhetage. Doch aufgrund eines Streikes der Bevölkerung mit vielen Strassensperren mussten wir einen Tag länger als geplant in Cusco warten. Grundsätzlich nicht der schlechteste Ort zum ausruhen. Cusco hat eine ausgezeichnete Touristeninfrastruktur und ich habe die Annehmlichkeiten wie Cappuccino, super feines Essen im Cha-Cha (peruanische Haute Cuisine), Kuchen und was das Herz sonst alles begehrt, sehr genossen. In Cusco habe ich auch endlich das Päckli von Christian erhalten. Es war - trotz DHL - sage und schreibe vier Wochen unterwegs, bis es den Weg zu mir gefunden hat. Und das Päckli war nicht geöffnet, d. h. dass ich den  heissersehnten Liebesbrief, die Süssigkeiten und natürlich die Ersatzteile (das war ja der
eigentliche Grund des Päcklis) unversehrt erhalten habe. Am Donnerstagmorgen haben wir mit einer Polizeieskorte Cusco verlassen. Mit Rotlicht ging es zuerst einmal in einer Ehrenrunde um den Plaza des Armas - unter grossem Applaus der anwesenden Touristen. Da fühlte ich mich wie ein Superstar. Danach begleitete uns die Polizeieskorte aus der Stadt
heraus. Am Freitag konnten wir nicht wie geplant am Morgen um 8h losfahren - wieder Strassensperren. Für uns als Biker ist das kein Problem, doch für die Trucks bedeutete dies einen Umweg von mehreren Stunden. Wir konnten erst um 12h losfahren. Die Tagesetappe: 100 km und einen Pass von 4'250 m. Als ich den Pass überquerte, kam ich erneut in ein
Gewitter mit Schneehagel. Und nachher regnete es kräftig. Ich kam erst um 17h am Etappenziel an und konnte mein Zelt gerade noch bei Tageslicht aufstellen. Der Boden war steinhart und meine Heringe sind jetzt wieder ein Stück "krummer". Am nächsten Morgen war mein Zelt und der Velosattel erneut mit einer dünnen Eisschicht überzogen. Die
Polizisten, welche unser Bushcamp bewachten und im Auto schliefen, haben sicher sehr gefroren. Sie waren sehr dankbar für den heissen Tee oder Kaffee am Morgen.

In Puno ist mir mein Handy und Bargeld abhandengekommen. Keine Ahnung wer in
meinem Hotelzimmer lange Finger hatte. Das erste Mal, dass ich das Handy beim Verlassen des Zimmers nicht verschlossen habe und schon ist es weg. Was für ein Schock - meine "Verbindung" zu Christian war auf einmal nicht mehr da. Keine täglichen SMS mehr - ich war am Boden zerstört. Mittlerweilen habe ich mich mit der Tatsache, nach zwei Monaten
wieder handylos zu sein, abgefunden. Hoffentlich kann ich hier in La Paz ein funktionierendes neues Handy kaufen.

Aber es gibt auch viel erfreuliches zu berichten. In Peru haben wir die letzten hohen Pässe von mehr als 4'200 m überquert. Jetzt kommen die langen Etappen von mehr als 130 km. Ich weiss noch nicht, was ich lieber mag: Viele Höhenmeter oder lange Distanzen. Unsere erste lange Etappe von 160 km habe ich grandios gemeistert. Ich benötigte inkl. zwei längeren Pausen knapp 7 h - und das mit einem relativ schweren Mountainbike und den ebenfalls schweren und nicht gerade aerodynamisch perfekten Marathon Schwalbe Reifen. Das war eine super Leistung - und das beste: Am anderen Tag hatte ich gute Beine, nichts von Muskelkater oder so. Das macht natürlich Freude!

Am Sonntag sind wir nach Bolivien eingereist. Die Zollformalitäten klappten bestens. Die ersten Tage sind wir stundenlang am Titikaka-See auf mehr als 3800 m über Meer entlang gefahren. Wie eindrücklich - und am Montagmorgen bin ich vor lauter Staunen fast vom Velo gefallen. Vor mir ragen schneebedeckte Bergketten majestätisch in den Himmel und im Vordergrund der Titikaka-See. Landschaftlich ein absolutes Highlight. Mir kommen die Tränen - einfach atemberaubend schön. Und wie genial wäre es, wenn Christian mit mir diese faszinierende Landschaft bewundern und geniessen könnte. Er wäre wie ich hell begeistert. In Bolivien werden wir mehrheitlich auf dem Altiplano und somit immer über 3600 m über Meer Rad fahren. Das heisst neben möglichem Kopfweh, Husten und Höhenkrankheit auch kühle Tage und kalte bis sehr kalte Nächte. Kulinarisch hat sich Bolivien bist jetzt von einer
guten Seite gezeigt. Ich esse jeden Abend "trucha creola" (Forelle), eine lokale Spezialität am Titikaka-See.

Wir werden knapp zwei Wochen in Bolivien auf dem Altiplano biken bevor wir dann Mitte Oktober nach Argentinien einreisen. Und bald schon habe ich Halbzeit auf dem "Anden Trail". Die Zeit vergeht auch auf dem Fahrrad sehr schnell.

Herzliche Grüsse aus dem sonnigen La Paz

Lea

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