The Andes Trail
Lea unterwegs von Quito nach Ushuaia 2010
 
 
  Von: lea.degen
Gesendet: Dienstag, 7. September 2010, Huancayo (Peru)
Betreff: 2'500 km oder 1/4 der Strecke bereits bewältigt

Liebe Freunde

Ja, ihr habt richtig gelesen - bereits 2'500 km habe ich in Südamerika auf mehrheitlich guten Strassen abgestrampelt. Nachdem die ersten vier Wochen relativ easy verliefen, ist seit ein paar Tagen der Wurm drin. Angefangen hat alles am vorletzten Samstag. Ich fuhr durch ein Dorf und plötzlich war ich von kläffenden und bellenden Hunden umzingelt. Ich konnte nicht wirklich ausweichen und da erlaubte sich doch tatsächlich so ein Strassenköter, mit seiner Pfote mein Wädli zu kratzen. Seither ziert ein hübsches Hundepfote-Tattoo mein rechtes Wädli. Spass beiseite, ich hatte natürlich überhaupt keine Freude. Doch Glück im Unglück - der Hund hätte mich gerade so gut beissen können.

Am folgenden Sonntag genoss ich einen Ruhetag in Huaraz, einem Touristenort in der Nähe der Cordillera Blancha. In einem Touristenrestaurant ass ich einen feinen Salat (Tomaten, Avocado, Rüebli, grüner Salat) - wunderbar. Mein Magen hatte leider überhaupt keine Freude an diesem Mahl und ich verbrachte die Nacht mehrheitlich auf der Toilette. Am folgenden Morgen bin ich entsprechend müde und ausgelaugt aufgestanden. Die grosse Frage: Wie überstehe ich die Tagesetappe von Huaraz in den Nationalpark Huascaran mit 57 km Schotterstrasse und 1329 Höhenmeter? Die Devise lautet: Magen/Darm/Kopf ausschalten und einfach "trampen". Ich konnte diese Etappe überhaupt nicht geniessen, musste ich mich doch voll und ganz aufs Velofahren und Geradeausfahren konzentrieren. An Essen war auch nicht zu denken, mit Mühe und Not konnte ich etwas trinken. Irgendwie schaffte ich es und kam am frühen Nachmittag im Bushcamp an - auch das noch... Nach einem Nickerchen ging’s mir bereits etwas besser. Ich wollte und musste einfach schnell wieder 100% fit sein - denn am Dienstag stand die Königsetappe der Tour auf dem Programm: Zwei Pässe von 4837 m resp. 4889 m - diese wollte ich unbedingt mit dem Bike überqueren.

Am Dienstagmorgen fühlte ich mich besser und so nahm ich dann die Königsetappe von 69 km und 1070 Höhenmeter auf Schotterpiste in Angriff. An schnelles Fahren war weiterhin nicht zu denken - Durchschnittlich 5 km/h - ist ja elend langsam. Ja, aber wer schon einmal auf Schotterpiste und mehr als 4000 m Höhe gefahren ist, weiss, dass es einfach ein Chrampf ist. Jeder Meter muss bewältigt werden, den Lenker musste ich fest umklammern, damit ich geradeaus fahren konnte. Als ich nach einem Fotostopp wieder aufs Velo steigen wollte, bin ich umgefallen - das sagt ja schon vieles. Zu all den Strapazen meinte es das Wetter auch nicht gerade gut: Gewitter, Hagel und Schneeregen. Als ich auf dem höchsten Punkt des Passes - auf 4889 m stand - war ich natürlich überglücklich und stolz. Eine super Leistung! Irgendwie schaffte ich diese schwere Etappe und kam todmüde aber überglücklich im Bushcamp an.

Ab Mittwoch ging’s mir dann gesundheitlich noch besser und die Tagesetappe war kurz und easy. Am Donnerstag war das Wetter wieder nicht super gut und auf dem Pass von 3900 m regnete es, es war "schweinekalt" und neblig. Zum Glück hatte ich meine Taschenlampe im Gepäck- so konnte ich mit einem "Licht" die Passstrasse von rund 40 km hinuntersausen. Und am Tagesziel in Huanuco wartete nach drei Tagen Bushcamp endlich wieder ein weiches Bett und eine warme Dusche auf uns.

Nach einem Ruhetag am Freitag ging’s am Samstag weiter: 120 km und 2600 Höhenmeter, von 2000 m über Meer hinauf auf 4200 m über Meer. Und an diesem Tag kam ich an meine Grenzen - neben den körperlichen Strapazen kamen neben der Höhe wieder Gewitter, Hagel- Schneeregen und Kälte dazu. Ich musste mit mir kämpfen. Die Passstrasse war endlos, immer wieder eine Schlaufe, noch eine Schlaufe, und noch eine Schlaufe. Ich fuhr erneut wieder nicht viel schneller als 5 km/h - die letzten 30 km waren eine Qual. Ich strampelte und strampelte - die Zeit lief mir davon: Schaffe ich es bis zum Einbruch der Dunkelheit? Mit viel Durchhaltewillen und einigen Pausen kam ich dann am frühen Abend im höchsten Dorf der Welt - Cerro de Pasco auf 4200 m - an. Die Temperatur betrug ganze 4 Grad.

Übernachtet haben wir leider nicht in einer Luxusherberge - die Zimmertemperatur betrug 9 Grad, keine warme Dusche und teilweise nicht einmal fliessendes Wasser. Das war hart, sehr hart. Und als Folge der unwirtlichen Verhältnisse habe ich mich erkältet, Husten und leichte Grippe.

Am Sonntag ging’s dann weiter - erneut 130 km und 500 Höhenmeter. Die Fahrt entlang dem Altiplano war sensationell schön, doch stundenlanges Fahren auf 4200 m über Meer ist sehr anstrengend. Und wieder Gewitter mit Hagel. Am Montag dasselbe, 125 km und 400 Höhenmeter. Die Landschaft im Mantaro Valley war grandios. Aber auch heute war es ein Chrampf. Meine Beine waren nach dem Mittagsrast leer - wieder galt es: Kopf ausschalten und einfach trampen, mit viel Kraft gegen den Wind. Am Tagesziel in Huancayo passierte mir noch ein Lapsus: Eine Frau lief mir direkt ins Bike, Vollbremse, auf dem regennassen Belag ausgerutscht und päng, mit dem Bike voll auf den linken Ellenbogen. Es darf einfach nicht wahr sein - jetzt habe ich neben einer zweiten Schürfung noch eine grosse Schwellung am linken Arm.

Zum Glück ist heute Ruhetag - wie habe ich diesen ersehnt. Die letzten Tage waren wirklich hart. Ich wusste ja, dass es nicht immer einfach sein wird. Wenn es dann soweit ist, ist es umso schlimmer. Hoffentlich wird es die nächsten Tage etwas ruhiger. Von den Etappen her sollte es einfacher werden (jeweils unter 100 km) und weniger Höhenmeter. Wir bleiben aber die nächsten Wochen auf Höhen über 3200 m und mehr. Mal sehen wie es mir ergeht. Zum Glück "leiden" meine Gspänli ebenso, geteiltes Leid ist halbes Leid.

Ihr seht, nach der Sonnenseite habe ich jetzt auch die Schattenseiten kennengelernt. Ich bin aber guten Mutes, dass ich bald diese Widerlichkeiten bewältigt habe und es wieder angenehmer wird. Ich halte euch auf dem Laufenden. Je nach Qualität der Internetverbindungen öfter oder weniger oft. Aktuell sitze ich in einem Internetcafe mit sensationell schneller Verbindung, daher auch eine weiter Zwischenstandsmeldung.

Ich wünsche allen eine gute Zeit und bis zum nächsten Mal.

Herzlichst

Lea

 

 

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