The Andes Trail
Lea unterwegs von Quito nach Ushuaia 2010
 
 
  Von: lea.degen
Gesendet: Dienstag, 24. August 2010, Huanchaco (Peru)
Betreff: News aus Südamerika

Liebe Freunde

Bereits seit 3 Wochen radle ich - immer noch frisch unter munter - durch die faszinierenden Landschaften in Südamerika. Gott sei dank bin ich immer noch gesund, meine Beine sind noch voller Energie und auch mein Allerwertestes wurde noch nicht allzu fest strapaziert. In Ecuador sind wir knapp 1’000 km und 18’000 Höhenmeter gefahren. Seit letztem Donnerstag kommen weitere 600 km dazu - es summiert sich langsam. Es liegen immer noch mehrere
tausend Kilometer vor uns.

Ich geniesse den heutigen Ruhetag in vollen Zügen, die letzten Tage waren sehr anstrengend. Nicht weil wir über besonders hohe Berge gefahren wären. Nein, die Tagesetappen waren topfeben, aber sehr sehr lang. Meistens ca. 120 km, flach und viel Gegenwind. Da musste ich teilweise kräftig in die Pedale treten und bin bis zu 7 Stunden auf dem Drahtesel gesessen. Das habe ich abends doch gespürt - umso mehr geniesse ich heute das süsse Nichtstun.

Letzten Donnerstag, 19. August 2010 haben wir Ecuador verlassen und sind nach Peru eingereist. Die Zollformalitäten waren zu beginn sehr schleppend. Der Grund? Der Beamte war morgens um 9 Uhr bereits stock betrunken - ich habe ihn später schlafend auf der Toilette wiedergefunden (ich bin dann ab in die Büsche...). Also hat Susanne die Sache in die Hand genommen und der Grenzübertritt hat funktioniert. Wir konnten problemlos einreisen.

Die Landschaften haben sich verändert. Sind wir vor einer Woche noch durch bewohnte Berghänge gefahren, fuhren wir nun durch unbewohnte, dafür bewaldete Gegenden, hinab Richtung Meer. Saftig grüne Reisfelder, Zuckerrohr-, Papaya- und Zitronenplantagen zieren die Strassenufer. Wir kreuzen unzählige Tuk-Tuks und Eselskarren. Die Bewohner und die Hunde scheinen uns besser gesinnt - sie grüssen freundlich und die Hunde verzichten auf ihr lästiges Bellen und hinterher rennen. Die Peruaner sind überaus freundlich und hilfsbereit. Sind wir in einem Dorf oder Stadt auf der Suche nach unserer Unterkunft und fahren in die falsche Richtung, so pfeifen sie uns hinterher und weisen uns in die richtige Richtung. Einzelne Radfahrer fahren streckenweise mit uns und wollen alles von uns wissen - ich versuche so gut ich kann mit meinen sehr bescheidenen Spanischkenntnissen zu antworten.

Essensmässig geniesse ich derzeit die Nähe zum Meer: Täglich gibt’s wunderbare Meeresfrüchte (Fisch, Shrimps, Tintenfisch etc. - ein Paradies). Und überraschenderweise gibt es in Peru "Cola Zero", praktisch in jedem kleinen Ort finde ich einen Laden mit diesem
wunderbaren Getränk. Wie erfrischend nach einem anstrengenden Tag. Kaffeemässig läufts nicht so gut - der Kaffee ist teilweise ungeniessbar, keine Ahnung nach welchem Rezept dieser hergestellt wird. Und Nescafe ist mit der Zeit auch langweilig.

Bei uns in der Gruppe läuft soweit alles rund. Zu beginn gab es etliche Gspänli, welche Magen- Darmprobleme hatten. Das hat sich inzwischen gebessert und Didier unser Arzt hat nicht mehr soviel zu tun. Zwei Gspänli sind leider schon vom Fahrrad gestürzt - sie sind zu schnell die steilen Berghänge heruntergefahren und haben die "Löcher" in der Strasse nicht gesehen - und da ist es passiert. Ein Fahrrad sieht sehr schlecht aus - da müssen neue Ersatzteile aus Europa bestellt. werden. Glücklicherweise haben die beiden Radfahrer "nur" heftige Prellungen und Schürfungen davon getragen, beide fahren nach einigen zusätzlichen Ruhetagen wieder Rad.

Leider überschätzen sich einige - männliche! - Radfahrer teilweise total. An einem Tag habe ich bei einem Anstieg einen Mitfahrer überholt - das hat der arme, alte Mann nicht vertragen. Also fuhr er mir hinterher - total über seinen Kräften. Kurze Zeit später ist er vor Erschöpfung fast vom Velo gefallen. Mit Müh und Not, vielen Pausen, haben wir es dann noch ans Tagesziel geschafft. So stupid! Es ist doch absolut nebensächlich, wie lange jemand für die Etappe braucht - Hauptsache er kommt gesund am Abend ans Ziel. Aber eben - Männer funktionieren anders... Da gibt’s auch noch unser Mitfahrer mit "Zucker" - beinahe täglich fährt er zu schnell oder über seinen Kräften und kommt abends mit Müh und Not, total erschöpft doch noch vor der Dunkelheit an.

Platte Reifen gibt es auch täglich, dazu diverse grössere und kleinere Fahrradschäden. Diese konnten bisher durch unseren Velomechaniker Filip oder die örtlichen
"Schmiedereien/Autozenter" immer behoben werden. Tja, und ab und zu benutzen die vernünftigen Teilnehmer die Möglichkeit, nur eine halbe Tagesetappe zu fahren (bis zum Lunch, oder ab Lunch bis Etappenziel). Wir müssen jeweils immer bei Einbruch der Dunkelheit am Unterkunftsort sein. Und für einige der Mitfahrer ist das sehr knapp, sie sind
nicht so gut trainiert.

Mein Bike hat mich bis jetzt noch nicht im Stich gelassen - alles läuft sehr gut. Leider
ist meine Bikemarke "Kona" hier in Südamerika nicht bekannt und ich fahre mit vielen Spezialteilen herum. Christian hat mir ein Päckli mit Ersatzteilen geschickt - dieses steckt jetzt am Zoll in Lima. Anscheinend muss ich noch diverse Formulare ausfüllen. Hoffentlich bekomme ich die Ersatzteile eines Tages doch noch - bevor ich sie wirklich brauche.

Seit wir in Peru Rad fahren, werden wir vielfach von der Polizei begleitet. Meistens hat das keine speziellen Gründe, sie zollen uns mit ihrer Begleitung einfach ihren Respekt. Gestern war das etwas anders. Wir sind durch eine "gefährliche" Gegend gefahren. Das hiess: Fahren in der Gruppe und nur mit der Polizei. Für mich war das sehr anstrengend, 120 km in der Gruppe. Das heisst, immer den Rücken des Vordermannes anstarren, keine Zeit für einen Fotostopp oder eine kurze Pause - einfach nur Rad fahren, Rad fahren, Rad fahren. Das war sehr hart für mich - und zudem war ich in der schnellsten Gruppe, das war sehr anstrengend... Wie war ich froh, als wir um 14 Uhr endlich in Huanchaco ankamen.

Und dann hiess es warten, warten, warten und nochmals warten - unser Bus mit dem Gepäck kam nicht. Was war der Grund? Aha, kein Benzin mehr. Irgendwo blieb der Bus stehen, weil er kein Benzin mehr hatte....zum Glück ist dieses Missgeschick in der Stadt passiert - wie dumm, wenn das wirklich in der Pampa geschehen wäre. Abends kam dann der Bus endlich an - wir waren froh, als wir unter der erfrischenden Dusche standen. Ich glaube, unser Fahrer hat sich mehr geärgert als wir - das war wirklich unnötig. Aber was soll’s, Ende gut alles gut, es gibt Schlimmeres.

Liebe Grüsse aus Huanchaco, Peru

Lea

 

 

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